In Deutschland existieren elf Chlorproduzenten an 18 Standorten. Drei davon sind ausschließlich auf Chlorchemie spezialisiert:

Dow Stade, die Elektrochemie Ibbenbüren und European Vinyle Corp. (vormals ICI). Bei Solvay und Wacker tragen Chlorprodukte zu über 25% zum Gesamtumsatz bei. Die Firmen Bayer, BASF und Hoechst haben eine sehr breite Produktpalette und sind international weit verzweigt, so daß der Umsatzanteil von Chlorprodukten schwer abzuschätzen ist. Ähnliches gilt für Hüls. Bei der Degussa sind Chlorprodukte dagegen nur zu einem geringen Teil am Umsatz beteiligt.


Standorte der Chlorchemie in Deutschland (für mehr Informationen klicken Sie bitte auf die Fabriksymbole)

Insgesamt 60% des Umsatzes der deutschen chemischen Industrie sind nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie VCI direkt oder indirekt vom Chlor abhängig.

Von den 2,9 Millionen Tonnen Chlor, die die deutsche Chemieindustrie 1993 einsetzte, wurden nach eigenen Angaben 97,4 Prozent, also mehr als 2,8 Millionen Tonnen für die Chlorierung von Kohlenwasserstoffen verwendet; der Rest diente zur Herstellung von Bleichlauge und Salzsäure. Die entstandenen chlorierten Kohlenwasserstoffe werden dann zu etwa 35% zu chlorhaltigen und zu etwa 65% zu chlorfreien Endprodukten wie z. B. Polyurethanen, Silikonen und Epoxidharzen verarbeitet. Dabei wird das Chlor im Verlauf der Produktion wieder abgespalten und zumeist als Salz in die Flüsse eingeleitet.

Ökologisch bedenklich ist auch die Produktion chlorfreier Endprodukte. Denn die chlorhaltigen Zwischenprodukte sind z. T. extrem giftig. Mengenmäßig bedeutsam ist z. B. die Herstellung von Propenoxid, das für die Herstellung von Polyurethanschäumen und Polyesterharzen verwendet wird. 29% des von der Industrie verbrauchten Chlors dient zur Propenoxidsynthese. Bei dem heute üblichen Produktionsverfahren entsteht als Zwischenprodukt das hochgiftige Propenchlorhydrin, als Abfallprodukt fallen Salze und das krebserregende 1,2-Dichlorpropan an.

Ähnliches gilt für die Herstellung von Polycarbonaten. Hier ist das Zwischenprodukt das extrem gefährliche Atemgift Phosgen, das mit aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen zurückgehalten werden muß. Dennoch kommen immer wieder Phosgenaustritte vor, zuletzt 1994 bei Dow Stade. Zudem wird bei der Produktion das krebserregende Dichlormethan freigesetzt. Etwa 14% des Chlorverbrauchs entfällt auf die Phosgenherstellung.

Reaktion von
mit Chlor
Zwischen-
produkt
Endprodukt Beispiele
Methan Chlormethan*


Chloroform
Silikone


Carboxymethylcellulose

Polytetrafluorethen
Dichtmittel, Hydraulik-
öle, Zahnabdruck-
massen, Kautschuk
Emulgatoren u. Binde-
mittel für Waschmittel
Antihaftbeschichtungen
Ethen Dichlorethan PVC Rohre, Fenster, Bodenbeläge, Dachbahnen
Propen Chlorhydrin
Epichlorhydrin
Polyurethane
Epoxidharze
Schaumstoffe
Autolacke, Bautenschutz, Tennisschläger, Skier, Boote
Butadien Dichlorbuten Chlorpropenkautschuk Keilriemen, Fördergurte
Benzol Chlorbenzol diverse Arzneimittel, Pestizide, Farbstoffe
Kohlenmonoxid Phosgen Polycarbonate CDs, Lichtleiter
Phosphor Phosphorchloride - Flammschutzmittel, Fungizide
Titandioxid Titantetrachlorid Weißpigmente Lacke, Farben
Schwefel Schwefelchloride - Vulkanisation von Kautschuk
Kieselsäure Siliziumtetrachlorid Silizium Halbleiter-, EDV-, Solartechnik
Natronlauge Bleichlauge - Desinfektionsmittel, Toilettenreiniger
Wasserstoff Chlorwasserstoff Salzsäure Entkalker, Beizmittel

*Fettgedruckt: Chlorhaltig
Quelle: VCI, Positionen zur Chemie mit Chlor, 1996